Nach Monaten im Auslandseinsatz sieht ein Soldat das verletzte Gesicht seiner Tochter wieder
Die Rückkehr des Beschützers
Die Schulkantine war erfüllt vom üblichen, ohrenbetäubenden Lärm hunderter Jugendlicher. Es wurde gelacht, geschrien und mit Geschirr geklappert. Doch am Tisch in der hinteren Ecke herrschte eine bedrückende, fast greifbare Stille. Hier saß die sechzehnjährige Anna, umgeben von ihren treuesten Freundinnen Lena und Sophie. Annas Kopf war tief gesenkt, ihre Hände klammerten sich an den Rand des unberührten Tabletts. Als sie das Gesicht kurz hob, hielten die Mädchen um sie herum den Atem an. Beide Augen waren von tiefen, blau-violetten Hämatomen geschmückt, ihre Lippe war aufgesprungen und ihre Wangen waren tränenüberströmt.
"Du musst es ihm sagen, Anna. Er ist dein Vater", flüsterte Lena mit zitternder Stimme und legte tröstend eine Hand auf Annas Schulter. Doch Anna schüttelte nur panisch den Kopf. Die Angst hatte sie vollkommen gelähmt. Wie sollte sie erklären, was in den letzten Monaten hinter den verschlossenen Türen ihres Zuhauses geschehen war? Seit ihr Vater David im Auslandseinsatz war, hatten ihre Stiefmutter Sabine und deren Sohn Lukas die Herrschaft übernommen. Aus der einstigen Zuflucht war ein Gefängnis der Gewalt geworden.
Plötzlich schwangen die schweren Flügeltüren am anderen Ende der Kantine mit einem lauten Knall auf. Die Gespräche im Raum verstummten schlagartig. Ein Raunen ging durch die Reihen der Schüler, als ein Mann in Flecktarn-Uniform den Raum betrat. Es war David. Seine Statur war aufrecht, doch sein Gesicht spiegelte die Erschöpfung monatelanger Einsätze wider. Er war früher heimgekehrt, um seine geliebte Tochter zu überraschen.
Sein Blick wanderte suchend durch den Raum, bis er an dem Tisch in der Ecke hängen blieb. Als er Annas entstelltes Gesicht sah, entwich alle Farbe aus seinen Wangen. Die schwere Reisetasche entglitt seinen Fingern und prallte dumpf auf den Boden. Mit schnellen, entschlossenen Schritten durchquerte er den Raum. Anna blickte auf, Tränen schossen ihr erneut in die Augen, und mit bebenden Lippen flüsterte sie das einzige Wort, das ihr noch Halt gab:
"Papa..."
David fiel vor ihr auf die Knie, seine starken Hände zitterten, als er ihr Gesicht ganz behutsam umrahmte, als könnte sie bei der kleinsten Berührung zerbrechen.
”Anna blickte auf, Tränen schossen ihr erneut in die Augen, und mit bebenden Lippen flüsterte sie das einzige Wort, das ihr noch Halt gab:…