Das Geheimnis der Wolfs-Raststätte: Nach 40 Jahren erfährt er die grausame Wahrheit
Die Begegnung im Schatten
Die Luft in der Raststätte „Zum alten Forsthaus“ war schwer von Fett, kaltem Rauch und dem monotonen Summen der alten Neonröhren. Draußen peitschte der Novemberregen gegen die Scheiben, während drinnen die Zeit stillzustehen schien. Thomas saß allein in einer der abgenutzten, roten Kunstlederbuchten. Mit müden Bewegungen löffelte er seine Suppe, während sein Blick gedankenverloren auf der Tischplatte haftete. Er war zweiundvierzig Jahre alt, doch in der Gegenwart des Mannes, der gerade zur Kasse gegangen war, fühlte er sich stets wie ein verängstigtes Kind. Gerd, der Mann, den er seit seiner frühesten Kindheit Vater nannte, beherrschte sein Leben mit unbarmherziger Strenge.
Plötzlich spürte Thomas eine Präsenz. Ein kleiner Schatten schob sich von hinten an seine Box heran. Als er den Kopf leicht drehte, blickte er in die großen, klugen Augen eines etwa zehnjährigen Mädchens. Sie wirkte seltsam wachsam für ihr Alter. Sie beugte sich vor und flüsterte ihm mit einer Dringlichkeit ins Ohr, die ihn im Innersten erschütterte:
„Hey, bist du okay mit all dem hier?“
Thomas starrte auf seinen Teller. Die Worte trafen einen wunden Punkt, der seit Jahrzehnten in ihm schmerzte. Er sah auf zu der Gestalt von Gerd, die im fahlen Licht der Kasse stand. Ein plötzlicher Schauer des Erkennens durchfuhr ihn. Seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen, als er antwortete:
„Das ist nicht mein Vater.“
Das Mädchen zögerte nicht. Ihre Augen verengten sich entschlossen. Sie legte eine Hand auf die Rückenlehne und raunte:
„Bleib hinter mir, wir müssen reden.“
Bevor Thomas die Situation begreifen konnte, trat ein kräftiger Mann in einer dunklen Jacke aus dem Schatten der hinteren Kabinen. Er wirkte entschlossen, fast bedrohlich. Doch als das Mädchen den Blick auf seinen Ärmel richtete, veränderte sich alles. Dort prangte ein gesticktes Emblem, das einen zähnefletschenden Wolf zeigte. Das Mädchen starrte das Abzeichen an und rief leise, aber bestimmt:
„Mama hat gesagt, wenn ich dieses Abzeichen sehe, soll ich zu dir laufen!“
Der Mann hielt abrupt inne. Sein Blick flog von dem Mädchen zu Thomas. Seine Stimme war tief und rau, als er fragte:
„Wie heißt deine Mama?“
Das Mädchen sah ihn aufrecht an und antwortete:
„Greta.“
”Seine Stimme war tief und rau, als er fragte:„Wie heißt deine Mama?“Das Mädchen sah ihn aufrecht an und antwortete:„Greta.“